«Wir sind keine Rosinenpicker»

«Wir sind keine Rosinenpicker»

«Wir beeinflussen nicht, ob der ‹Blick› positiv oder negativ schreibt.»

Marc Walder, CEO Ringier AG

von Christian Brüngger (SonntagsZeitung)

 

Die Schweissperlen über der Lippe verraten den Sportler. Um 7 Uhr ist der Interviewtermin mit Ringier-CEO Marc Walder, davor hat er sich schon im firmeneigenen Kraftraum fit gehalten. Man sieht es dem Ostschweizer, 49, an: Durchtrainiert ist er und erinnert damit noch immer an den Tennisprofi, der er einst war. Danach hat er sich zielstrebig beim Medienunternehmen Ringier hochgearbeitet: vom Redaktor über den Sportchef zum Chefredaktor (SI, «SonntagsBlick»). 2008 übernahm er die ­Geschäftsleitung vonRingier Schweiz, 2012 folgte der Sprung an die Spitze als CEO der Ringier AG. In seinen Verantwortungsbereich gehört auch das Jointventure mit Sportvermarkter Infront. Als Infront Ringier prägen sie seit 2011 den Schweizer Sportmarkt.

Ringier investiert als Medienunternehmen immer mehr in den Sport – um sich auch damit von den Medien zu emanzipieren?

Durchaus. 2008 entschieden wir, dass sich das Unternehmen verändern muss, weil unser Kerngeschäft mit den Druckereien, Zeitungen und Zeitschriften unter Druck geriet. Wir beschlossen, konsequenter neue Geschäftsfelder zu eröffnen wie das digitale Kleinanzeigen­geschäft für Autos, Immobilien und Jobs. Weil wir der Unterhaltung und dem Sport eng verbunden sind, wollten wir auch in diese Bereiche vorstossen.

Haben Sie mit der Marge aus dem Sport diejenige des Printgeschäfts schon übertroffen?

Die Marge bei den Zeitungen und Zeitschriften variiert stark. Vergleiche sind darum schwierig. Was ich sagen kann: Wir brachten Infront Ringier ohne Bestand an den Start, besassen also nichts. Seither wachsen wir stetig, obschon die Schweiz ein kleiner und dazu noch sehr kompetitiver Markt ist.

Können Sie präziser sein?

Wir haben mit Infront Ringier nie Geld verloren und uns stetig vergrössert. Wir kommunizieren aber keine Zahlen. Lassen Sie es mich darum so formulieren: Unser Unternehmen umfasst gut 6500 Mitarbeiter in 14 Ländern. Da macht der Sport ein paar Prozente des gesamten Umsatzes und Gewinns aus. Daraus zu schliessen, er sei unwichtig, wäre aber falsch. Der Sport strahlt in verschiedene Gebiete. Ein Beispiel: Wir besitzen das Ticketing-Unternehmen Ticketcorner und sind natürlich daran interessiert, dass etwa in der Super League möglichst viele Stadionbetreiber mit uns zusammenarbeiten. Das ist uns gelungen. Acht von zehn Super-League-Clubs sind bei uns. Wir sind also in der Lage, die Verbindungen zwischen unseren verschiedenen ­Geschäftsfeldern zu nutzen.

Entscheiden darum Clubs und ­Veranstalter, sich mit Ihnen ­zusammenzutun?

Ich sehe verschiedene Gründe: Ringier ist ein verlässlicher Partner und kann mit seinen Medien und dem Ticketing einen Mehrwert für den Sport generieren, ihn gar fördern. Infront als Vermarktungsspezialist wiederum ist ebenso kompetent und erfahren – und zwar global. Dann spielt ganz normal der Dominoeffekt. Sobald etwas gut und verlässlich funktioniert, spricht sich das herum und schafft uns neue Kunden. Hinzu kommt: Ich mag den Sport, engagiere mich, beispielsweise, um mit potenziellen Sponsoren zu sprechen, um Überzeugungsarbeit zu leisten oder neue Modelle zu skizzieren.

Sie interpretieren Ihre Rolle aktiv?

Unbedingt. Ganz nah am Markt zu sein, ist zentral.

Sie zählen zu einem der wichtigen Lenker des Schweizer Sports. Mögen Sie diese Position?

Es geht nie um Einfluss. Ich will formen, Dinge voranbringen.

Damit nehmen Sie gerade Einfluss.

Sicher. Ich will dem Sport helfen. Davon profitieren alle: wir, die Athleten, die ­Zuschauer, die Partner des Sports, also das ganze System.

Haben Sie die Kraft, noch das kleinste Event hochzupromoten, wie einst RTL das Skispringen?

Hochbringen ginge vielleicht noch. Wenn das Fundament aber nicht stimmt, kann sich daraus nie ein nachhaltiges Produkt entwickeln. Wir können der Challenge League jedoch bestimmt Gutes tun, sie visibler machen, oder dem Schweizer Handball helfen, indem wir ihn mehr ­beachten.

Sie beeinflussen, was Ihre Redaktionen publizieren?

Unsere Redaktionen schreiben, was sie richtig finden. Ein Beispiel: Wir ver­- treten Fabian Cancellara. Der «Blick» hat immer wieder auch kritisch über ihn ­berichtet.

Ringier fördert den Handball, ist Medienpartner der Super League oder von Eigenveranstaltungen wie dem Eishockey-Cup. Da schliesst sich doch ein Kreis.

Sie verwechseln zwei Sachen.

Klären Sie auf.

Wir beeinflussen nicht, ob der «Blick» positiv oder negativ über den HC Davos oder den ZSC schreibt. Wir sagen dem «Blick» aber, dass wir den Eishockey-Cup fördern wollen. Mit Berichterstattung, mit Supplements oder mit Live-Strea- m­ings auf «Blick.ch».

Damit beginnen Sie, Ebenen zu ­vermischen und Konzernjournalismus zu betreiben.

Dass das Management eines Medien­unternehmens in einem konstanten ­Dialog mit den Redaktionen ist, halte ich für normal. Das ist schliesslich unser Kerngeschäft.

Noch einmal: Damit nehmen Sie Einfluss.

Natürlich nimmt das Management ­Einfluss. Dafür wird es auch bezahlt.

Garantieren Sie einem Fussballclub Publizität, damit er das Ticketing über Sie ablaufen lässt?

Nein. Aber ich schaue, dass er vielleicht noch ein Konzert in seinem Stadion durchführen kann, damit er seine Arena besser auslastet. Ganz wichtig ist – und das bleibt so: Der Leser muss wissen, woran er ist und wofür ein Titel steht. Die Unabhängigkeit und damit die Glaubwürdigkeit sind die höchsten Güter.

Darum nahmen Sie den früheren Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld schon unter Vertrag, als er das Schweizer Team noch führte?

Dieser Deal war heikel, das gebe ich ­ gerne zu. Aber wir haben nie Insider­informationen von ihm erhalten. Nie. Da waren wir stets korrekt, Ottmar Hitzfeld sowieso.

Themenwechsel: Warum mischen Sie beim Fussball, Eishockey oder Tennis mit, nicht aber beim Schwingen?

Schwingen wäre in der Tat prädestiniert für uns, wir reden schon lange davon und berichten auch intensiv. Ich behaupte gar, ohne Ringier und seine Produkte wäre der Schwingsport nie dermassen breit verankert und sichtbar.

Sie berichten nicht aus Freude am Schwingen. Es geht Ihnen um Auflage, letztlich also ums Geschäft.

Das will ich gar nicht bestreiten. Das Schwingen dürfte aber ein Problem aufweisen: Es öffnet sich nur sehr zögerlich der Professionalisierung. Dabei könnte sich dieser faszinierende Sport seine ­Traditionen sehr wohl bewahren und sich gleichzeitig modernisieren.

Etwas konkreter bitte.

Es gäbe viele Ansätze und Ideen: Wieso könnte man nicht ein Schwing-Masters über zwei, drei Tage zum Ende des ­Jahres im Hallenstadion durchführen? Ich bin sicher, dass die Arena voll wäre und der Sport bestimmt nicht leiden würde. Die Eidgenössischen sind sehr gut organisiert, ob sie für die Athleten allerdings so viel Geld generieren, wie möglich wäre, bezweifle ich.

Sie stehen für Kommerzialisierung. Ist das Schwingen mit seinen vielen Amateuren nicht gerade ein wohl­tuender Kontrast in der Sportwelt?

Was soll schlecht daran sein, wenn sich ein Athlet in seinen besten Jahren primär mit seinem Sport befassen und davon leben kann? Wenn er belohnt wird dafür, dass er Grosses leistet? Das hat nur Vorteile. Zur Professionalisierung gehört die Kommerzialisierung dazu, das stimmt. Aber ich sehe darin kein Problem, so­lange der Sport und seine Involvierten nachhaltig gefördert werden.

Das klingt gut. Sie allerdings wollen primär Geld verdienen. Da verkommt Nachhaltigkeit rasch zum Schlagwort.

Nein. Nehmen wir die Champions League. Die Professionalisierung Anfang der 90er-Jahre brachte nur Gewinner: Der Vermarkter verdient gutes Geld. Die Athleten, die Clubs und der europäische ­Verband sind ebenso sehr zufrieden. Die Zuschauer und TV-Stationen wiederum erhalten ein tolles Produkt. Die Monetarisierung ist primär ein Beweis dafür, dass der Markt spielt.

Wenn Ihnen das Wohl des Sports so wichtig ist: Warum investieren Sie nicht in den Nachwuchssport?

Wir haben uns bei den Athleten teil­weise schon früh um sie gekümmert. Wir sind keine Rosinenpicker. Verschaffen wir ­zudem der Spitze mehr Visibilität, wirkt sich das auch auf den Nachwuchs ­positiv aus. Insofern kümmern wir uns indirekt sehr wohl um die Talente von morgen. Was stimmt: Wir richten keine Juniorencamps ein. Dafür sind wir auch nicht ­zuständig.