«Eine Paradesportart für Sponsoring»

«Eine Paradesportart für Sponsoring»

«Tennis war für mich die wichtigste und wunderbarste Lebensschule, die ich mir vorstellen kann.»

Marc Walder, CEO Ringier AG

Interview: Andy Maschek (smash)

Smash: Herr Walder, wie oft stehen Sie heute noch auf dem Tenniscourt?

Marc: Walder Zuletzt war das vor ein paar Wochen mit der Tochter von Verleger Jürg Marquard. Sie ist 17 Jahre alt und Tennisprofi bei Nick Bollettieri. Das war aber eine Ausnahme. Sonst spiele ich vielleicht einmal pro Jahr Tennis.

Smash: Weshalb?

Walder: Erstens leide ich als Folge meiner Profizeit an einer beidseitigen Hüftarthrose. Zweitens fehlt mir Tennis nicht, weil ich zwischen 10 und 30 so viel gespielt habe. Drittens treibe ich zwar täglich Sport, aber frühmorgens oder spät am Abend. Das kann man keinem Tennispartner zumuten. Zudem ist Michael Ringier, mit dem ich früher oft Tennis gespielt habe, viel auf Reisen irgendwo auf der Welt. Mir bliebe also nur die Tenniswand…

Smash: Körperlich hat der Sport also Spuren hinterlassen…

Walder: Beide Hüften sind schlimm dran, zudem hatte ich mit 28 Jahren eine gros-se Schulteroperat on. Das Tennis hat aber nicht nur körperliche Spuren hinterlassen, es war für mich die bei weitem wichtigste und wunderbarste Lebensschule, die ich mir vorstellen kann.

Smash: Was hat es konkret gebracht?

Walder: Ich habe gelernt zu lernen, denn man muss sich im Tennis pausenlos weiterbilden. Ich habe Disziplin, Ausdauer, soziale Kompetenz gelernt. Und weil ich zehn Jahre meines Lebens in der Welt herumgereist bin, habe ich gelernt, weltoffen zu sein. Vor allem aber habe ich gelernt zu verlieren und dann wieder aufzustehen, ich habe gelernt zu kämpfen. Tennis ist für mich nach wie vor der faszinierendste und kompletteste Sport.

Smash: Mit Stan Wawrinka und Roger Federer hat die Schweiz zwei Weltklassespieler. Sind Sie überrascht?

Walder: Als ich die Nummer 6 oder 7 der Schweiz war, hiessen die besten Schweizer Hlasek, Rosset, Kuharszky, Stadler und Mezzadri. Mit Marc Rosset hatten wir einen Olympiasieger und mit Kuba Hlasek einen Top-Ten-Spieler, was damals absolut ausserordentlich war. Dass die Schweiz heute zwei Spieler unter den besten fünf der Welt hat, dazu früher mit Martina Hingis die Weltnummer 1 bei den Frauen stellte – das ist, wenn wir ehrlich sind, fast ein Wunder.

Smash: Hat Tennis in der Schweiz auch den Stellenwert, den es verdient?

Walder: Ich habe die ganz grossen deutschen Zeiten mit Steffi Graf und Boris Becker erlebt, als Tennis ein richtiger Volkssport wurde. In der Schweiz herrschte diese totale Euphorie dagegen nie in diesem Ausmass, nicht einmal mit Roger Federer. Natürlich sind heute am Davis Cup 13 000 oder 14 000 Fans dabei. Aber dass die Kinder in den Schulpausen mit dem Tennis-schläger an die Wand spielen und eine ganze Nation im Tennis-Fieber war, das gab es nie. Es ist irgendwie typisch für die schweizerische Zurückhaltung – und für unsere eben doch multioptionale Gesellschaft. Trotzdem glaube ich, dass gerade Hingis und Federer enorm viel für das Tennis in diesem Land gemacht haben.

Smash: Zu Zeiten von Martina Hingis reisten «Blick»-Reporter und -Fotografen mit ihr rund um die Welt. Das ist heute nicht mehr der Fall.

Walder: Es macht nicht viel Sinn, Roger nachzureisen, weil man eh nicht mehr so nahe an ihn oder die anderen Topstars rankommt wie früher. Heute besteht eine physische Distanz, das war vor fünfzehn Jahren anders. Zudem ist man durch die digitalen Medien sehr gut informiert und kann praktisch jedes Spiel und jede Medienkonferenz live mitverfolgen. Die Redaktionen haben auch begonnen zu sparen, und die ganz teuren Jobs sind jene der Reporter, die das ganze Jahr auf Reisen sind. Rund um die Euphorie möchte ich aber noch etwas sagen ...

Smash: …das ist?

Walder: Roger trainiert heute oft auf den Tennisplätzen von GC, wenn er in der Schweiz ist. Das muss man sich vorstellen: Einer der grössten Sportler aller Zeiten trainiert mitten in Zürich, ohne Abschrankungen und so weiter. Doch es hat nicht mehr Zuschauer als zwei, drei Rentner und ein paar Mütter mit ihren Kindern. Sich in einem so beschaulichen und sicheren Ambiente aufhalten zu können, ist in vielen anderen Länder undenkbar.

Smash: Deshalb wohnen ja viele Sportler in der Schweiz.

Walder: Die Spitzensportler, aber auch Superstars aus dem Entertainment-Bereich wie Tina Turner, gehen zum Metzger, zum Bäcker, in die Migros, flanieren mit ihren Angehörigen oder Kindern am Zürichsee und brauchen keine Bodyguards. Das ist wahrlich grosser Luxus für diese Persönlichkeiten. Es gibt beispielsweise mehr Paparazzi-Bilder von Roger Federer in New York als in der Schweiz.

Smash: Die heutigen Spieler sind von Beratern geschliffen. War das früher anders?

Walder: Die Spieler werden durch die zunehmende Professionalität stärker protektioniert und entfernen sich vom Publikum. Trotzdem wurde die mediale Beachtung immer grösser. Für den Fan sind die Stars virtuelle Produkte und nicht mehr fassbar. Roger Federer hat aber einzigartige Faktoren: Fairness und Fairplay, Anständigkeit oder Bescheidenheit. Auch wenn wir wissen, dass er ein grosses Haus auf der Lenzerheide und viele Mercedes in seiner Garage hat, ist er in seiner Gesinnung bescheiden geblieben. Er lebt nicht abgehoben und ist dadurch durch seine gelebten Werte nahbar.

Smash: Spüren Sie die Tenniserfolge bei den Ringier-Produkten?

Walder: In den letzten rund zehn Jahren gibt es keinen Protagonisten, der so häufig auf dem Titelbild der «Schweizer Illustrierten» war wie Roger. Aber die grossen Verkaufspeaks wie früher bei Erfolgen von Pirmin Zurbriggen, Vreni Schneider oder Bernhard Russi gibt es nicht mehr. Weil die Stars durch die digitalen Plattformen omnipräsent sind. Wer tolle Bilder von Roger Federer sehen will, geht auf Google und findet viel Material.

Smash: Ringier ist mit InfrontRingier in der Vermarktung tätig. Bis auf den Bereich Hospitality aber nicht im Tennis. Weshalb ist dies so?

Walder: Es ist kein Geheimnis, dass Tennis uns interessiert, und es gab in den letzten Jahren Kooperationen mit den Swiss Indoors. Ich habe auch die Entwicklung von Gstaad eng verfolgt. Tennis muss für InfrontRingier ein Thema sein. Aber die Swiss Indoors sind fest in der Hand von Roger Brennwald und Gstaad gehört dem Verband und wird durch Grand Chelem vermarktet. Wir sind mit Roger Brennwald aber eng in Kontakt und schauen, wo wir ihm helfen können ...

Smash: Und Sportler unter Vertrag zu nehmen, wie Sie es mit Fabian Cancellara, Yann Sommer, Lara Gut oder Jonas Hiller gemacht haben?

Walder: Das ist im Moment wahrscheinlich kein Thema. Roger Federer wird von Tony Godsick bestens betreut, Stan ist ebenfalls sehr gut gemanagt ...

Smash: …Belinda Bencic wäre eine Investition in die Zukunft.

Walder: Unsere Agentur ist tendenziell weniger Tennis-affin, aber es wäre absolut denkbar. Denn ich glaube, dass Tennisspieler wunderbare Botschafter für die Werbetreibenden sind. Tennis ist weitgehend skandalfrei und was Doping anbelangt sauber geblieben. Tennisspieler sind in der Regel integrative Personen und haben einen hohen Beliebtheitsgrad, eine hohe Kredibilität, sind aufgrund der Situierung des Sports anständig, verfügen über eine solide Bildung. Es ist eine Paradesportart für Sponsoring.

Smash: Neben den Topstars und den Turnieren gibt es die  Interclub-Meisterschaft…

Walder: Ein Club braucht auch eine Wettbewerbsstruktur, sonst wird es den Mitgliedern langweilig. Tennis ist nicht nur, an einem schönen Sommerabend den Ball hin und her zu  pielen und danach ein Bier zu trinken. Tennis muss auch Wettbewerb bedeuten, dieses Messen mit anderen Spielern und Clubs. Interclub und Clubturniere sind fantastisch und wichtige Fixpunkte in einem Tennisclub.

Smash: Sie schaffen es aber nicht zu nationalen Schlagzeilen.

Walder: Wir Tennisspieler der GC-Sektion haben früher stark unter dieser fast Nichtbeachtung in den Medien gelitten. Die besten Spieler des Landes haben grossartiges Tennis gespielt, aber jedes Freundschaftsspiel unserer Fussballkollegen bei GC wurde in den Medien grösser behandelt als beispielsweise unser Final gegen Genf, der nur eine Randnotiz war. Da haben wir gemerkt: Im Tennis muss man Weltspitze sein, um beachtet zu werden. Smash hatte da übrigens einen wichtigen und integrativen Charakter. Smash hat kommuniziert, was passiert ist – und zwar nicht nur bei den grossen Stars, sondern auch über die Junioren der anderen Clu s, Nachwuchsförderung. Es war eine wichtige Plattform für die Tennisgemeinde und bei uns daheim ein fixer Wert. Ich gratuliere dem neuen Besitzer von Smash zu seinem Engagement!